Der "Compasso de Navegare" - Neues zu den Portolankarten
Das Kuratoriumsmitglied und Ex-Präsident Prof. Dr. Peter Mesenburg (siehe Mitt.-Nr. 560)hat in seinem Beitrag "Die Vermessung des Mittelmeeres im Mittelalter - der "Compasso de Navegare" als Datenbasis zur Ableitung von Portolankarten" eine ausführliche Erklärung zur Entstehung der Portolankarten vorgelegt (ZfV 6/2025, S. 354-363; www.geodaesie.info). Bekanntlich sind diese Portolankarten des Mittelmeeres seit dem Ende des 13. Jahrhunderts für einen Zeitraum von rund 400 Jahren überliefert, ihre kartographische Entstehungsgeschichte bisher aber ungeklärt (siehe Mitt.-Nr. 581). Zu ihrer Herstellung kommen vermutlich Seehandbücher in Betracht.
Peter Mesenburg untersucht die seemännischen Informationen des "Compasso de Navegare", eines Segelhandbuchs aus der Zeit 1250/60, das in der Staatsbibliothek zu Berlin aufbewahrt wird und dessen altitalienischer Text 1996 von Christian Weitemeyer ins Deutsche übersetzt wurde. Der Compasso enthält über eintausend ortsbeschreibende Angaben zum Verlauf der Küsten- und Inseldarstellung sowie rund dreihundert Angaben zu Hochseestrecken über das offene Meer. Die Küstenbeschreibung von Ort zu Ort enthält relative Weglängen (Streckenangaben) und Wegrichtungen (Windrichtungen) jeweils benachbarter Orte. Als Maß der Strecken wurde nach Weitemeyer die kleine italienische Meile (= 1,23 km) verwendet; solche Längen von Schiffsrouten waren den Seefahrern seinerzeit wohl bekannt. Die Richtungsangaben konnten früher nur anhand des Sonnenstandes bzw. des Sternenhimmels relativ grob geschätzt werden. Erst nach 1269 ist der Gebrauch eines Magnetkompasses in Amalfi bekannt. Die Verbindung einer Windrose und eines 360-Grad-Vollkreises ermöglichte es, insgesamt 128 verschiedene Richtungsangaben mit einer Auflösung von 2,8 Grad zu unterscheiden.
In einem ersten Analyseschritt untersucht Peter Mesenburg die Genauigkeit der überlieferten Compasso-Daten über einen direkten Vergleich mit aktuellen Werten und erzielt dadurch eine Abschätzung der Genauigkeit der im Mittelalter praktisch erzielten Strecken- und Richtungsangaben. Diese liegt für Strecken bei etwa 36 km für Hochseestrecken und etwa 7 km für Küstenstrecken. Die Genauigkeit der Richtungsangaben liegt für Hochseestrecken bei rund 10 Grad und in Küstennähe bei rund 22 Grad.
In Analogie zu traditionellen Verfahren der Landesvermessung (Trilateration, Bussolenzug) nutzt Mesenburg in einem zweiten Analyseschritt die Hochseestrecken des Compasso mittels Zirkelschlag, um eine Art Dreiecksnetz mit 38 eindeutig identifizierten Orten des Mittelmeerraumes manuell im Maßstab 1:6 Mio. zu konstruieren. Darein passt er einzelne Küstenbereiche in Form von Bussolenzüge ein. Seine auf diese Art gewonnene verzerrungsarme Gesamtdarstellung des Mittelmeerraumes stimmt erstaunlich gut mit den Darstellungen der bekannten Portolankarten überein, beispielhaft aufgezeigt an Hand der Karte des Petrus Roselli (1449). Die Kartenkonstruktion mit Hilfe der Compasso-Daten führt zwar nicht zu einer streng winkeltreuen Abbildung, aber immerhin zu einer Abbildung, die einer winkeltreuen Zylinderabbildung sehr ähnlich ist; insofern waren Portolankarten durchaus als Navigationsgrundlage für Seefahrer bestens geeignet.
Es zeigt sich, dass die vorgestellte Analysemethode mit hoher Wahrscheinlichkeit auch bei der ursprünglichen Herstellung von Portolankarten angewendet wurde. Prof. Peter Mesenburg ist es mit seiner Analyse und Konstruktion der Compasso-Daten gelungen, die Entwicklungsgeschichte der Portolankarten plausibel zu erhellen - ein Lesegewinn für alle Kartenhistoriker!